Von Cornelia Rother, März 2011

Sent M´ahesa Adolf Münzer, Duesseldorf 1917, aus: Zeitschrift " Jugend", Nr. 35, 1917, Hirths Verlag München

Über das Leben der Künstlerin Sent M´ahesa ist nur wenig bekannt; aber die Fotografien ihrer Tanzschöpf-
ungen faszinieren noch heute. Die Künstlerin war in den 20ziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine der bekanntesten Ausdruckstänzerinnen in Europa. Else von Carlsberg (bürgerlicher Name) wurde am 17. August 1883 in Riga (Lettland) geboren. 1905 kam sie nach Berlin und machte dort ihr Abitur. Während dieser Zeit nahm sie bereits bei Irene Sanders und später beim Ballettmeister Kopp Tanzunterricht. Im Juni 1908 begann Sent M´ahesa in München mit dem Philosophie und Geschichtsstudium, dass sie allerdings Ende 1909 wieder aufgab, um sich voll und ganz dem Tanz zu widmen.

Sent M´ahesa hegte eine tiefe Leidenschaft für die ägyptische Antike. So dienten ihr altägyptische Malerei und Reliefs als Vorlage für ihre Kostümentwürfe und Tanzschöpfungen. Im Dezember 1909 debütierte Sent M´ahesa am Münchener Künstlerhaus mit "altägyptischen Tänzen"; sie trat in zahlreichen deutschen Städten auf und erlangte mit ihren Gastspielen in Europa große Bekanntheit.1919 gastierte sie erstmals in Schweden.

Zwei eindrucksvolle Plakate von Albert Weisgerber von 1910/11 erinnern an ihren berühmten „Flügeltanz“ (Tanz der Mondgöttin); der Fotograf Hanns Holdt verewigte sie in ihrem „Pfauentanz“ und in „Salammbo“; Der Bild-
hauer Bernhard Hoetger schuf 1917 eine Portrait-Plastik der "exotischen" Tänzerin, die an den Kopf der Nofretete erinnert; Es befindet sich in Privatbesitzsie wurde wiederholt in der damaligen Fachliteratur mit Ihren Tänzen zitiert, u.a. Frank Thiess „Tanz als Kunstwerk“ 1923 und Karl Ettlinger „Das Theater“ 1910. Ein Hauch „Mata Hari“ umweht sie: In den Jahren des ersten Weltkrieges wurde sie während eines Gastspiels in Stuttgart wegen Spionageverdachtes festgenommen, bald darauf aber wieder frei gelassen.

Mitte der 20ziger Jahre gab die Künstlerin den Tanz auf und ging zurück in ihre Heimat. Dort begann sie sich mit der Landwirtschaft zu beschäftigen. In den 30er Jahren ließ sich Sent M´ahesa in Schweden nieder, und bewirt-
schaftete dort einen Hof in Sörmland bei Stockholm. Darüber hinaus betreute sie dort Patienten, die ihr von verschiedenen Nervenärzten zur Rekonvaleszenz geschickt wurden. Sent M´ahesa therapierte ihre Gäste indem sie sie in Kontakt zu den Tieren brachte und ihnen einige damit verbundene Aufgaben übertrug. Dieses Vorgehen erwies sich als erfolgreiche, zukunftsweisende Therapie.

Sent M´ahesa schrieb Artikel für Zeitungen und Zeitschriften. U.a. Über Rainer Maria Rilke, mit dem sie seit ihrer Münchner Zeit eine freundschaftliche Beziehung verband.

Am 19. November 1970 starb sie in Stockholm.

Ergänzung einer Leserin: "eines der eindrucksvollsten Porträts von Sent M´ahesa hat der Bremer Maler Dietz Edzard geschaffen. Es befindet sich in Privatbesitz." (Januar 2012)

Quelle:
"Varieté – Tänzerinnen um 1900 - vom Sinnenrausch zur Tanzmoderne", anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im deutschen Theatermuseum München 10/98 bis 01/99. Brygida Ochaim und Claudia Balk. Frankfurt am Main; Basel; Stroemfeld 1998 (Roter Stern)

Tanz einer siamesischen Gottheit Der Tanz als Kunstwerk, Frank Thiess, 1923

"Wenn Sent M'ahesa in einem ihrer vollendetsten Tänze auf schwarz ausgeschlagenem Podest in der Maske einer siamesischen Gottheit zu dem gehackten Rhythmus eines altchinesischen Liedes tanzt, so mag man sich wohl darunter das Innere eines Tempels denken, in dem, in nächtlicher Einsamkeit und von niemand belauscht, der Götze sich selber zu Ehren einen phantastischen Tanz zu vollführen anhebt. Aber abgesehen davon, dass während des Tanzes selbst dieser „Sinn" einem keineswegs gleich klar ist, wird man auch während dieses Vor-
gangs von etwas viel Tieferem, Ahnungsvollerem und Bedeutenderem gepackt: Von der Mystik eines geheim-
nisvollen und unserem gewöhnlichen Erleben fremden Geschehens. Die starren Züge des Gesichts, die goldenen Hände, das taktmäßige Klirren der Schellen, das primitiv-prunkvolle Kostüm, das dämmernde Licht des Tempels, erregen unsere Phantasie in wunderbarem Maße, ohne sie zu greifbarem Ziel zu führen.
Und wie diese Gestalt in zuckende, harte, seltsam gehaltene Bewegung gerät — wie sich ein fast metaphysisches Gegründetsein in sich selber mit den menschlichen Zügen der Eitelkeit überschminkt, anschwillt, sich steigert, fällt und endlich wieder in lautloser Erstarrung steht, das erregt uns in wunderbarem Maße, schreckt und be-
glückt uns zugleich, ohne uns doch zu sagen, worüber wir erschreckt und beglückt sind, und zu verraten, was eigentlich dort oben vorgeht.
Denn dort oben - und das ist für die Erkenntnis eines Kunsttanzes von nicht zu überbietender Wichtigkeit - geht viel mehr vor, als sich jemals durch eine Interpretation des Tanzinhaltes darstellen ließe. Zustände und seelische Erregungen werden wach und symbolisieren sich in Farben und Bewegungen, die nicht den Erscheinungen des realen Lebens entnommen sind. Parallele Gefühle, die im Leben sich niemals schneiden, scheinen sich dort oben zu kreuzen (Gottheit und vor sich selber tanzen). Das eigentlich Unlogische wird wahr, überzeugend, lebendig, und aus dem bloßen Ineinanderschwingen von rhythmischer Körperbewegung, Farben, Linien und Musik saugen wir einen Genuß, der dem gleichkommt, den musikalische Menschen aus den Harmonien und thematischen Führungen einer klassischen Sonate ziehen. Also auch hier: eine "Idee", in der Wirklichkeit unausdrückbar und im realen Leben nicht materialisiert, gewinnt in der künstlerischen Welt des Tanzes Leben und höchste Bedeutung."

Zitiert aus: Frank Thiess, Der Tanz als Kunstwerk, S. 26 - 27, Delphin Verlag München, 1923

Sent M´ahesa Bronze-Skulptur von Bernhard Hoetger, 1922

BERNHARD HOETGERS LEBENSGROSSE PLASTIK
Dauerpräsentation: Bernhard Hoetgers Plastik
Worpswede (EMSN)

"Darstellungen von Tänzerinnen mit ihren Bewegungsabläufen waren im ausgehenden 19. Jahrhundert ein be-
liebtes Thema in der Kunst. Auch in Bernhard Hoetgers Werk findet man ein starkes Interesse an der Entwick-
lung des zeitgenössischen Tanzes. Zu seinen auffallendsten Plastiken gehören die Werke, die nach zwei Tänzer-
innen geformt wurden: „Loie Fuller“ und „Sent M’Ahesa“. In der Großen Kunstschau Worpswede ist nun Letztere zu sehen – täglichvon 10 bis 18 Uhr in der Dauerpräsentation des Museums. Die annähernd lebens-
große Skulptur entstand 1922 und gehört zu seinen auffallendsten Plastiken. Der Bildhauer und die Tänzerin kannten sich seit dem Jahr 1915. In Riga geboren, lebte Sent M’Ahesa, die mit bürgerlichem Namen Else von Carlberg (1893 bis 1970) hieß, seit 1905 in Deutschland. Sent M’Ahesa hat nachweislich zum letzten Mal öffentlich bei der Einweihung des Kaffee Worpswedes getanzt."

Zitiert aus: OHZlive (Weser Kurier, Bremer Nachrichten, Osterholzer Kreisblatt), November 2007

"Die entschleierte Maja"
(Alternativtitel: Indisches Mysterium)
Deutschland 1917
Regie: Ludwig Beck
Kamera: Peter Ostermayr
Produktion: Münchener Kunstfilm Peter Ostermayr
Länge: 5 Akte
Format: stumm; s/w; 35mm; 1:1.33
Uraufführung Berlin (U.T. Kurfürstendamm)
Darsteller: Sent M´ahesa, Hanna Ralph, Walter Janssen, Ernst Rotmund, Herta Rust
(Quelle:film-zeit.de)

"Haß"
Deutschland 1919/1920
Regie: Manfred Noa
Drehbuch: Margarete M. Langen
Bühnenbild: Karl Machus
Produzent: Franz Vogel
Produktionsfirma: Eiko-Film GmbH Berlin
Darsteller: Sent M´ahesa (in einem Tanz), Manja Tzatschewa, Henri Peters-Arnolds, Ernst Deutsch, Rudolf Lettinger, Loo Hardy
(Quelle: filmportal.de)

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