Von Cornelia Rother, 2010

Der 4. Juni 1910, die Pariser Oper,

Ida Rubinstein und Vaslav Nijinsky 1910, Ballett "Sheherazde", Zobeide und der goldene Sklave


es beginnt eine neue Ballettsaison. Perlen, Spitzen, ein Hauch von Rose im Foyer. Die Gesellschaft ist „en vouge“, sehr malizös, ein verwöhntes Publikum. Man kann es sich leisten alles gesehen zu haben, und es noch einmal zu sehen. Man trifft sich anschließend in der ´Rue Cambon` zum Souper ... keine Oper dieses Jahr im Programm, keine Pawlowa! "Quelle malheur!"

Und dann passiert etwas neues, einzigartiges!

Den Zuschauern präsentiert sich an diesem Abend ein noch nie da gewesenes Bühnenbild von beispielloser Üppigkeit und purer Exotik: „... ein Diwan, bedeckt mit prächtigen Kissen, kunstvoll hängende Lampen, kostbarer roter Teppichstoff mit blauen und pinkfarbenen Brücken, blendend bemalte Mauern und eine mit Mosaiken reich verzierte Palastdecke. Ein smaragdgrüner Seidenvorhang mit rosaroten, blauen und goldenen Motiven gemustert, sorgfältig quer über die Vorderbühne drapiert .... Ein blauschattierter Garten ist durch die, auf die Kulisse gemalten, Fenster sichtbar.“ (Ingles, S.81)

Und in Mitten dieser Pracht tanzt Zobeide, jene Frau die Sheherazade veranlasste dem König die Treue der Frau zu lehren. Zobeide die Lieblingsfrau des Königs Schariyar, Herrscher über Indien und China. Sie tanzt ihren Liebestanz mit dem „goldenen Sklaven“.

Und das Pariser Publikum taucht ein in dieses Fest der Liebe, einen rauschenden, wilden, erotischen Tanz.

Bühnenbild „Sheherazade“ Leon Bakst, 1910, Musée des Arts Décoratifs, Paris

Eine Orgie - die es ja nur gibt weil die Menschen zuvor die Regeln erfunden haben, die die Liebe zu einer Orgie werden lassen. Ach König Dein ganzes Harem vergnügt sich mit Lustsklaven.

Die Frauen geben sich ihrer Leidenschaft hin, denn sie befürchten nichts, kündigte doch der König an er sei auf der Jagd. Doch das ist er nicht. Des Königs Bruder behauptete alle Frauen seien untreu. Um diese Worte zu widerlegen, ließ Shariyar die Frauen glauben er sei fort; um heimlich zurück zu kehren und zu sehen was geschieht.

Er sieht, und des Königs Zorn und Schmerz kennt keine Grenzen. Auf die Liebe folgt ein Gemetzel. Shariyar lässt alle Frauen und Sklaven töten. Allein Zobeide bleibt zunächst verschont. Doch als Schariyar auch den toten Körper ihres Liebhabers des goldenen Sklaven entdeckt, ersticht er auch sie.

Ida Rubinstein in der Rolle der Zobeide, 1910

Eine Sensation! Das Publikum feiert das „Ballet Russe“. Ida Rubinstein als „Zobeide“ und Vaslav Nijinsky als „goldener Sklave“ in der Welturaufführung der „Sheherazade“. In der Choreograpfie von Michail Fokine, das Konzept von Alexander Benois und dem opulenten Bühnenbild und Kostüme von unerhörter Sinnlichkeit von Léon Bakst. „Diese Art die Musik durch Farbe zu interpretieren war etwas völlig Neues beim Ballett.“ (Ingles, S. 90)

Was für ein Souper! Wieviel Gewispere, wieviel Spekulation, wieviel Stimmen! Die Aufführung löste eine neue orientalische Strömung in der damaligen „Art deco“ Modewelle aus. Kleider, Möbel, Tapeten, Porzellan ... der Orient und das Verlangen, welches die Europäer in ihn transzendierten ergriff erneut die Menschen im sittenstrengen Europa. Cartier kreierte eine eigene Schmuckkollektion in blau und grün ...

Aber noch etwas anderes ist einzigartig: Fokine, Benois und Bakst sind unübertroffen. Bis heute wird das Ballett „Sheherazade“ vor allem in Fokines Choregraphie, mit Benois Geschichte und den Kostümen von Bakst gegeben!

Sheherazade Gebrüder Grimm Museum in Kassel

Ach Scheherazade, Deine Geschichten verzaubern uns noch heute, Du nie gesehen, nie `getanzte´ Frau. Dein Gesicht bleibt uns verborgen; so schön ist Deine Wahrheit? Deine Schönheit? Du bleibst die Sehnsucht Europas nach dem Orient ... die der russische Komponist Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow in seiner 1888 komponierten sinfonische Suite op.35 „Sheherazade“ so üppig und melodisch einfing. Die Musik die Fokine zu seiner Chorographie inspirierte und Bakst zu seinen prachtvollen Kostümen.

Rimski-Korsakow komponierte zu vier Geschichten aus 1001 Nacht: „das Meer und Sinbads Schiff“, „vom Prinzen Kalender“, „Der junge Prinz und die junge Prinzessin“ und „Die Feier in Bagdad“. Die Hauptfigur jedoch ist die Erzählerin Prinzessin Sheherazade. Für sie erfand Rimski-Korsakow das einzige musikalisches Thema, das in jedem Satz wieder aufgenommen wird.

Das „Ballet Russe“ war das erste Ensemble, dass zu Musiken tanzte, die die Komponisten gar nicht als Ballette komponierten. So verhielt es sich auch mit Rimski-Korsoakovs Sheherazade. Der Komponist wandte sich grundsätzlich gegen ein Geschichten erzählen durch die Musik. „Rimski war von der Vorstellung, dass ein Ballett mit seiner Musik aufgeführt werden sollte, nicht besonders erfreut. Er hielt die Musik für in sich selbst vollendet und zudem missfielen ihm Isadora Duncan und ihre Ideen, die auf Fokine abgefärbt hatten. Dennoch wurde nach Rimskis Tod [1908] schließlich seine Witwe von Diaghilevs ´silberner Zunge` dazu überredet das Projekt fortführen zu lassen“ (Ingles S. 81)

Sergej Diaghilev Gemälde von Valentin Aleksandrovich Serov, 1909

Ach Scheherazade, Du Sehnsucht nach Sinnlichkeit. Du hast Deine Existenz zwei Ereignissen zu verdanken:

Den Persern, die deine Geschichte im 8. Jahrhundert n.Chr. als die „Hesar Afsaneh“ (1000 Mythen) aufgeschrieben haben.
Und dem Impresario Sergej Diaghilev, der 1909 das Ballet Russe in Paris gründete. Diaghilew war der künstlerische Leiter und kümmerte sich zudem um die Finanzierung des Balletts.

Quellen:

Ingles, Elisabeth, Bakst – Die Zauberwelt des Theaters, Parkstone Press Limited, London 2000
www.beshkan.de (interner Link zu Märchen aus 1001 Nacht)
www.wikipedia.de

Tänzerinnen - Zobeide

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Mariinsky Ballett Sankt Petersburg.
Ballett "Scheherazade"
Musik: Rimsky-Korsakov
Choreographie: Michael Fokine
Erste Tänzerin: "Zobeide" Jiyeon Ryu
Erster Tänzer: "Goldener Sklave" Igor Kolb